Musikbusiness und Nazi-Rap: Reime fürs Reich

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Musikbusiness und Nazi-Rap

Nazi-Rap hat den Attentäter von Halle aufgepeitscht. Hetzer wie Mr. Bond und Chris Ares verbreiten mit Hip-Hop Hass. Konzerne verdienen damit Geld.

Der Nazi-rapper Chris Ares an der Münchner Feldherrnhalle, bei einer AfD-Demo 2016

Chris Ares, zweiter von links, an der Münchner Feldherrnhalle bei einer AfD-Demo, 2016 Foto: Sachelle Babbar/Alarmy/mauritius

Es sind jetzt drei Wochen vergangen seit der antisemitische deutsche Terrorist Stephan B. versucht hat, in Halle in eine Syna­goge einzudringen, um mit einer selbst gebastelten Schusswaffe ein Blutbad anzurichten. Und weil dies nicht gelingen wollte, hat er aus Frust zwei Menschen erschossen. Das dabei von ihm über eine Go-Pro-Kamera live gestreamte Video ist wieder in den Untiefen des Netzes verschwunden – zum Glück. Sein Inhalt ist menschenverachtend und grausam. Doch ist es aufschlussreich, seine Details zu analysieren, denn daraus lassen sich Codes und „Trends“ der im Internet radikalisierten extremistischen rechten Szene ablesen.

Durch die Sichtung erneut in den Fokus geraten ist dabei Nazi-Rap. Immerhin legte der Attentäter Wert darauf, während seiner Mordtaten den für ihn „passenden“ Soundtrack zu hören. Die Musik, die im Video zu hören ist, stammt von Mr. Bond. Der mutmaßliche Österreicher nimmt in der Szene des Nazi-Rap in etwa die Rolle ein, die einst Bands wie die Zillertaler Türkenjäger inne hatten. Entlang bekannter musikalischer Formen (damals Rock, heute Hip-Hop) strickt er Texte voller Verschwörungstheorien, Allmachtsfantasien und bloßen rassistischen Ressentiments, gespickt mit Insiderjokes.

Dabei führten gewisse Ressentiments dazu, dass gerade Hip-Hop in der Naziszene lange verpönt war; denn das Genre galt als „genuin schwarze Musik“. Das war einmal, heute sind die Rechtsradikalen auf den ehemals verhassten Sprechgesang als Rekrutierungstool angewiesen. Konzertabende und Festivals mit Nazirappern gelten mittlerweile als „Einstiegsdroge“ (Zitat: Archiv der Jugendkulturen). Skills und Coolness, die bisher allen Nazi-Rap-Versuchen abgingen, versucht ein Mr. Bond heute in seinem Sound zu inkorporieren.

Geklaute Beats

Er klaut dafür etwa Beats von erfolgreichen US-Künstlern wie Future und Travis Scott und anderen Granden aus den aktuellen Charts. Und macht zum Beispiel aus dem Hit „I wanna f*** you“ von Akon und Snoop Dogg „I wanna gas you“ („Ich will dich vergasen“). Zudem kopiert Mr. Bond die Mixtape-Ästhetik von US-Rappern; nur heißen seine Mixe nicht „Streetbeats Volume 1“, sondern „Mein Kampf“ und „A Nazi Goes to Africa“. Bei Internetmusikdiensten laufen Mr. Bonds Machwerke unter „Parody Rap“. Dabei sind sie Nazi­scheiß trübsten Wassers.

Das wird offensichtlich, sobald man sich auch die Videos – die bei YouTube meist schnell wieder heruntergenommen werden und deswegen bei kruden Plattformen wie Dailymotion auffindbar sind – anschaut. Dort kommt Mr. Bonds Stück „Fascist“ mit 40.000 Klicks und Verknüpfungen zum Horst Wessel-Lied und anderen indizierten Werken daher und enthält Zeilen wie: „From the way she acted /I knew she wants a fascist / no hipster faggot“, so der Refrain. Die Strophe geht so weiter: „Rolling through the Reich / Slow / Gassing the Kikes / Yo / Lebensraum for Whites / …“ Den neo-nazistischen Sprech braucht man erst gar nicht kompliziert zu decodieren, er propagiert ganz offen den Holocaust.

Diese Entwicklung ist neu. Früher waren Nazi-Rapper damit beschäftigt, überhaupt als Rapper ernst genommen zu werden und hatten für „komödiantische“ Einlagen keinen Sinn. Bestes Beispiel: MaKss Damage, dem entsprechend die wenig schmeichelhafte Ehre zuteilwird, der „erste ernst zu nehmende Neonazi-Rapper in Deutschland“ (Toralf Staud: „Neue Töne von Rechtsaußen“) zu sein. Versuchte er sich anfangs noch ohne explizit rechte Inhalte – er firmierte gar als Linker –, änderte sich dies schnell nach dem Disstrack „Tötet diese antideutschen Hurensöhne“ und seinem Bekenntnis zum „National-Stalinismus“.

Volksverhetzende Rhetorik

Danach trat der Gütersloher, bürgerlich Julian Fritsch, etwa für die Dortmunder Nazi-Partei „Die Rechte“ und mit der Hogesa-Befürworter- und Hooligan-Band „Kategorie C“ auf. Das sind unterdessen keine Einzelphänomene mehr: Immer häufiger treten Nazis und selbsternannte Patrioten im Gewand von Rappern auf, um ihre volksverhetzende Rhetorik und Ideologie unters Volk zu kriegen. Immerhin ist Rap weltweit seit mehr als einem Jahrzehnt das erfolgreichste Pop-Genre mit den höchsten Verkaufszahlen und den meisten Superstars. Rechte laufen mit ihren kulturellen Gesten seit jeher dem Mainstream hinterher, da es bis dato keine genuin rechte Pop-Musik gibt.

Ihre Strategie der Aneignung aktueller (gerne auch subversiver) Trends ist seit den Achtzigern im Rechtsrock zu beobachten. Dass Rap so lange widerständig gegenüber der Vereinnahmung blieb, ist fast erstaunlich. Eigentlich bildet Gangsta-Rap eine ähnlich geeignete Matrix für Gewaltfantasien wie die Genres Metal und Punk. Der gelebte „Actionfilm“ großer – und vor allen Dingen erfolgreicher – Teile der deutschen Rap-Szene, der täglich reproduziert wird, bietet sich vortrefflich an.

Auch in den Lyrics von Gangsta-Crews wie 187 Straßenbande gehören Homophobie, Sexismus und Gewalt zum Nonplusultra. Dieses düstere Sittenbild, angereichert um Antisemitismus und diverse andere Verschwörungstheorien, ist nahezu kongruent zu einer rechts-nationalen Erzählung des „Survival of the fittest (race)“.

Brandbeschleuniger für Charts

Vergesst den Westen! 30 Jahre nach dem Mauerfall fragen wir in einem 15-seitigen Spezial: Was bedeutet es heute, ostdeutsch zu sein? Und warum wird über manche Themen auch nach drei Jahrzehnten noch geschwiegen? In der taz am wochenende vom 2./3. November. Außerdem: In der CDU wird der Machtkampf auf offener Bühne ausgetragen. Kann Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer sich halten? Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Man sollte dies nicht falsch verstehen: Es gibt weder eine ursächliche noch eine unmittelbare Verbindung zwischen Rap und rechtsextremistischer Gesinnung, doch kann Ersterer den Brandbeschleuniger für Zweitere darstellen. Dass es einstweilen den Versuch einer klaren Verbrüderung zwischen rechter Szene und Hip-Hop gibt, beweist etwa der Münchner Kampfsportler und Rapper Chris Ares und seine Clique. Er nennt seine Musik „Patriotenrap“, orientiert sich offen an rechten Codes und verdient sich damit in der Szene Anerkennung. Das manifestiert sich inzwischen auch in Chartserfolgen.

Bei Diensten wie Apple Music und Amazon konnte Ares einen Wirkungstreffer mit dem Album „2014-2018“ landen: Er „stürmte“ im Juli auf den ersten Platz der Rap-Download-Charts. Auch Monate später kann er etwa bei Amazon einen Platz unter den Top 50 behaupten. Während Apple Music auf taz-Anfrage gar nicht erst reagierte, lässt sich das Unternehmen Amazon entschuldigen und möchte sich hierzu nicht äußern.

Um eine Einordnung des Nazi-Rap-Komplexes vornehmen zu können, wären Informationen über Verkaufszahlen und (il-)legitime Methoden zur Zahlenfälschung (wie im Fall Ares gemunkelt wird) mehr als hilfreich. Außerdem wäre es interessant gewesen, ob es für die Plattformen überhaupt einen moralisch-ethischen Konflikt gibt beim Verkauf von rechter und rechtsextremistischer Musik und ob bei einem Weltkonzern wie Amazon Grenzen gesetzt werden zwischen „patriotisch“ und „nazistisch“.

Ares zielt mit seiner Musik auf eben jene definitorische Unklarheit; er äußert sich unmissverständlich, doch immer im Rahmen des StGB. Er zielt vielmehr auf die Verbindung bürgerlicher Patrioten und rechtsradikaler „Chaoten“. So bietet sein YouTube-Channel neben Fake-News und rechtem Geschwätz auch Musik: Sein Hit „Deutscher Patriot“ (derzeit 700.000 Klicks) und der Track „Widerstand“ (mit dem Rapper Komplott, 800.000 Klicks) verkaufen Export-Produkte der Wut- und Angstbürger: Stolz, Vorurteile und Lügen.

„Deutscher Patriot“ verknüpft Gangsta-Rap-Ästhetik mit „Schwarz-Rot-Gold-über-alles“-Lyrics zum Loblied auf das Land der Dichter und Denker, auf Bach, Goethe und Bismarck. Selbst bei besonders großzügiger Hip-Hop-Auslegung ist dieser Stuss nicht mehr als Koketterie mit nationalen Zeichen zu entschuldigen. Zumal Ares auch anders kann, wie seine Drohgebärden-Texte zeigen: „Eure vollvermummten Punk-Visagen werden mittels Panzerwagen durch das ganze Land gejagt, um euch Maden dann anzuklagen.“

Unverhohlen unterhält Ares ein enges Verhältnis zur Identitären Bewegung, tritt regelmäßig für sie auf – und ist 2018 im Zusammenhang mit einem solchen Auftritt auch aktenkundig geworden, als er eine Antifa-Gegendemo angriff und verschiedene Teilnehmer schlug. Ares wurde mit dem Verweis auf „Selbstverteidigung“ mittlerweile vom Verdacht der Körperverletzung freigesprochen. Auch dies wurde von seinen Fans im Netz begrüßt.

2018 griff der Münchner Nazirapper Chris Ares bei einem Auftritt für die Identitäre Bewegung Teilnehmer der Gegendemo an und schlug zu

Wo rechte und „normale“ Hip-Hop-Szenen vollends zur Deckung gelangen, ist in der Präsenz von antisemitischen Aussagen. Juden- und israelfeindliche Narrative finden sich nicht nur bei den Echo-Gewinnern Kollegah und Farid Bang, sie sind im Nazirap endemisch. Das erkannte der Berliner Rapper, Autor und ehemalige Veranstalter Ben Salomo vor allen anderen.

„Ich halte Deutschrap in weiten Teilen für so antisemitisch wie den Rechtsrock“, sagte er an dieser Stelle vor gerade einmal vier Monaten. Da war die neue Prominenz in der Verknüpfung von Hip-Hop und Nazis noch nicht in vollem Ausmaß zu erahnen. Dass es der Attentäter Stephan B. auf die Gottesdienst-BesucherInnen in der Hallenser Synagoge noch viel eher als auf die beiden Opfer abgesehen hatte, spricht in diesem Zusammenhang bloß zusätzlich Bände.

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