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Covid-19: Amerikas junge, sorglose Minderheit feiert einfach weiter

Während in weiten Teilen der USA wegen der
Corona-Pandemie das öffentliche Leben ruht, zelebrierten vergangene Woche
Tausende Studenten in den Partyorten Floridas noch immer feuchtfröhlich die
jährlichen Frühjahrssemesterferien – die so genannte spring break.

“Wenn ich
Corona bekomme, bekomme ich eben Corona”, sagte ein
feierwütiger Student
in
Miami der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Auf den Dächern von New Yorker
Wohnhäusern tummelten sich am Wochenende ebenfalls noch feiernde Partycliquen –
obwohl die Behörden die Bürger seit Wochen dazu anhalten, Kontakt zu anderen
Menschen zu meiden.

Doch es sind
keineswegs nur junge Menschen, die die Warnungen der Behörden ignorieren. Ein Corona-Patient
in Kentucky
verließ
vergangene Woche entgegen dem Rat seiner Ärzte einfach ein Krankenhaus und
kündigte an, er wolle sich nicht von seinen Mitmenschen fernhalten. Daraufhin rief der Bezirkssheriff Polizisten an, die den widerspenstigen Patienten daran hindern sollten, sein Haus zu verlassen. Mehrere evangelikale Kirchen halten vielerorts noch immer Gottesdienste ab. Ein bekannter Prediger aus Florida ermutigte seine Gemeindemitglieder sogar per Videobotschaft, sich trotz aller staatlichen Verbote weiter bei
Gottesdiensten die Hände zu schütteln.

Auch sonst
scheint ein kleiner, aber nennenswerter Teil der US-Bevölkerung das Virus noch
immer nicht besonders ernst zu nehmen. Das gilt vor allem für die
Republikaner. Mehr als ein Drittel aller republikanischen Wähler, 34 Prozent, machen sich laut einer am Freitag vom TV-Sender ABC
veröffentlichten Umfrage keine Sorgen vor einer Corona-Infektion – fast drei Mal so viele wie unter demokratischen Wählern (12 Prozent).

Woran liegt das? Unter anderem an
Präsident Donald Trump und den ihm nahestehenden rechten Medien, sagt Scott Knowles. Der Geschichtsprofessor erforscht das Bevölkerungsverhalten in
Katastrophenfällen und streamt täglich einen Podcast zur Corona-Pandemie. “Es
gibt hier im Land eine Spaltung zwischen jenen, die der Wissenschaft vertrauen
und jenen, die das nicht tun”, sagt Knowles. Und diese Spaltung verlaufe
seit Trumps politischem Aufstieg besonders eng entlang von
Parteilinien. “Trump hat explizit mit dem Leugnen des Klimawandels Wahlkampf
gemacht und außerdem in der Vergangenheit die Gefahr von Pandemien
heruntergespielt”, sagt Knowles.

Das gelte auch für die aktuelle Corona-Krise.
“Der Präsident hat lange den Eindruck erweckt, man müsse sich keine Sorgen
wegen Corona machen. Und seine Propagandamaschinerie aus Fox News, Breitbart
und InfoWars verbreiten eben alles, was er sagt.” Eine beachtliche Minderheit
werde davon überzeugt, sagt Knowles. 

“Lieber glorreich im Gefecht sterben als an einem Virus”

Die Journalistin
Lili Loofbourow macht jedoch auch kulturelle Eigenheiten für die
Widerspenstigkeit vieler US-Amerikaner gegen die Corona-Maßnahmen
verantwortlich. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe die Regierung
die Bürger angewiesen, ihr Leben normal weiterzuleben. Die Terroristen
sollten damit ihr Ziel verfehlen, die Bevölkerung einzuschüchtern. Jeder Restaurantbesuch
sei so zum Ausdruck einer patriotischen Grundhaltung geworden. “Zu viele sind überzeugt, dass der Hauptbeitrag der Bürger zur amerikanischen Größe
darin besteht, so zu handeln, als ob alles in Ordnung wäre”, schreibt Loofbourow im US-Magazin Slate. “So führt man einen Krieg mit einem unsichtbaren Feind: Man zeigt ihm, dass sich Amerika nicht
einschüchtern lässt.”

Zudem stelle das
Virus auch ein gängiges Männlichkeitsideal infrage, schreibt Loofbourow: “Es ist demütigend – sogar
entmannend, durch ein Bündel von Protein und RNA zur Strecke gebracht zu
werden.” Diese Meinung teilen sogar offenbar einige Kongressabgeordnete, zum Beispiel der bekennende Trump-Anhänger Paul Gosar aus Arizona, der auf Twitter schrieb: “Ich möchte lieber glorreich im Gefecht
sterben, als an einem Virus.”

Hinzu kommt, dass die Bars und Restaurants in vielen
Bundesstaaten
nach wie vor geöffnet sind – wenn auch teils mit Beschränkungen.
Und die Gäste gehen hin. Kevin Stitt, republikanischer Gouverneur von
Oklahoma twitterte vergangenes Wochenende ein Foto von seiner Familie im Restaurant und schrieb dazu. “Es ist ziemlich voll heute
Abend.” Zwar löschte Stitt den Tweet anschließend, doch am Donnerstag ließ er mitteilen, dass er mit seiner Familie weiter
auswärts essen werde. Seinen Mitbürgern empfahl er, ebenfalls “nicht
in Angst zu leben”. Ron Johnson, ein republikanischer Senator aus
Wisconsin, sagte: “Wir legen doch unsere Wirtschaft auch
nicht lahm wegen der Zehntausenden von Leuten, die auf Autobahnen sterben”.

Die amerikanische Bevölkerung könnte sich in trügerischer Sicherheit wiegen, weil bisher in den USA vergleichsweise wenige Corona-Tests durchgeführt worden seien, sagt Katastrophenforscher Scott Knowles. Er geht davon aus, dass viele Bundesstaaten ihre
Vorbeugungsmaßnahmen in der nächsten Woche verschärfen werden und dass dann auch ein großer Teil der
US-Bevölkerung den Anweisungen und Empfehlungen der Behörden Folge leisten wird.

Auch US-Präsident Trump nimmt Corona
mittlerweile ernst, gezwungenermaßen. In seiner täglichen Pressekonferenz fragte
ein Reporter am Freitag, was er zu Menschen wie seinem Parteikollegen
Ron Johnson zu sagen habe, die die Maßnahmen gegen die Pandemie für übertrieben
hielten. “Die ganze Welt sieht es genauso wie wir”, sagte Trump. “Unsere
Staatsfinanzen können wir schnell wieder in Ordnung bringen, aber unsere
(verstorbenen) Menschen, die können wir nicht zurückbringen.”

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