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Flaschenpost aus einem fast vergessenen China – Eileen Chang erinnert sich an eine aufgeklärte Bürgerlichkeit, die vom Kommunismus ausradiert wurde

«Die Klassenkameradin» konnte erst nach ihrem Tod erscheinen – das Buch lässt ein verschwundenes Festlandchina aufscheinen.

Heute, da Chinas kommunistisches Regime es sich zur Gewohnheit gemacht hat, Geschichte nach Belieben umzuschreiben oder gar verschwinden zu lassen, kommt dieses Ende der siebziger Jahre verfasste Büchlein wie eine Flaschenpost aus ferner Zeit daher. Daraus zu lernen ist vor allem eines: Bevor Mao die historische Gelegenheit bekam, seine demiurgischen Pläne von der Heranzüchtung eines neuen kollektiven Menschen mit massivster Gewalt in die Tat umzusetzen, gab es (selbst unter dem Joch der japanischen Besatzung) in den grossen Metropolen ein bürgerlich aufgeklärtes Milieu, in dem der Einzelne ein selbstverantwortliches, personales und angstfreies Leben führen konnte. Nichts Spektakuläres bietet die Handlung, die Amplitude des Menschlichen verharrt im filigranen und temperierten Bereich – doch gemessen an der heutigen festlandchinesischen Realität von Unterdrückung, Manipulation und Totalüberwachung ist dies nicht weniger als eine Sensation.

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