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Risikopatientin im Gespräch – Mutter über Corona-Schulchaos: “Habe Panik, meinen Sohn in die Schule zu schicken”

Risikopatientin im Gespräch: Mutter über Corona-Schulchaos: “Habe Panik, meinen Sohn in die Schule zu schicken”

Wo sie im Frühjahr ein komisches Gefühl hatte, ihren Sohn zur Schule zu schicken – hat sie jetzt Panik. Die 49-jährige Mutter eines Teenagers leidet an einer Autoimmunerkrankung. Bei FOCUS Online erklärt sie, warum sie es nur für eine Frage der Zeit hält, bis sie sich ansteckt.

FOCUS Online: Frau Offner*, im Mai hatten wir schon einmal über die Situation an den Schulen in der Pandemie gesprochen. Sie haben einen 14-jährigen Sohn, leiden an einer Autoimmunerkrankung und hatten damals große Angst, sich über ihren Sohn anzustecken. Wie geht es Ihnen heute?

Hanna Offner*: Ganz ehrlich: deutlich schlechter als bei unserem letzten Gespräch. Aus der Angst vor Ansteckung ist manchmal eine richtiggehende Panik geworden – nicht nur bei mir, auch bei meinem Sohn.

Privat haben Tim und ich unsere Kontakte seit Frühjahr auf ein Minimum reduziert. In der Klasse aber sitzt mein Sohn mit 24 anderen Kindern. Zunächst war da eher diese unterschwellige Anspannung: Er könnte was mit heimbringen. Inzwischen fühle ich mich wie beim Roulette und bin an jedem Tag, an dem ich symptomfrei bleibe, einfach nur erleichtert.

Allein in der vergangenen Woche waren sieben Klassen an Tims Schule in Quarantäne. Von 140 Lehrern sind 20 krank zu Hause geblieben. Machen wir uns nichts vor: Es ist eine Frage der Zeit, bis es mein Kind und dann auch mich trifft. Da können sie noch so sehr versuchen, von oberer Stelle zu beschwichtigen. Wir Eltern kennen die Faktenlage, das Runterspielen funktioniert nicht mehr.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Fakten würden runtergespielt?

Offner: Nun ja, zunächst gab es ja diese Studien, die weiß machen sollten, dass Corona-Infektionen bei Kindern vergleichsweise selten sind. Inzwischen gibt es mehrere Erhebungen, die eher in eine andere Richtung deuten. Mich hat vor allem eine aktuelle Untersuchung aus Bayern aufhorchen lassen. Sie ergab, dass sechs Mal mehr Minderjährige mit dem Virus infiziert waren als bekannt. Die neuen Zahlen sind das eine, das andere ist, was wir sehen können. Wenn das Klassenzimmer neben dem von Tim leer bleibt und Stunden ausfallen, weil Lehrer von ihm in Quarantäne sind, versteht der Letzte, was läuft. Mal abgesehen von einer sich zuspitzenden Quarantänesituation aber herrscht an den Schulen weiter Normalbetrieb.

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Dass die Infektionszahlen im Herbst hochgehen würden, war abzusehen.

Offner: Das ist richtig. Umso mehr macht es fassungslos, wie wenig unternommen wurde, um mit dieser Situation entsprechend umzugehen. Außer Stoßlüften, was ja automatisch Durchzug und damit steigende Erkältungen und Infektionsanfälligkeit bedeutet, ist niemandem etwas eingefallen? Mein Sohn geht seit den Sommerferien ganz normal zur Schule, so, als gäbe es keine Pandemie. Ohne Abstandsregeln, ohne reduzierte Klassengröße, zunächst auch ohne Maske.

Nicht nur viele Eltern, auch viele Kinder können das nicht verstehen: Warum durften sie vor den großen Ferien nur einmal die Woche ein paar Stunden lang zur Schule? Und wieso läuft das jetzt alles wieder so locker? Das Robert-Koch-Institut empfiehlt ab einem Inzidenzwert von 50 Unterricht in verkleinerten Lerngruppen. Diesen Wert haben wir bei uns im Landkreis schon lange erreicht, zwischenzeitlich liegt er sogar bei deutlich über 100. In anderen Landkreisen Nordrhein-Westfalens ist die Zweihunderter-Marke geknackt. Und was passiert? Nichts.

Gerade hat aber doch die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek gefordert, Schulen sollten auf andere Räume wie Pfarrzentren oder Museen ausweichen, um mehr physischen Abstand zu ermöglichen. Finden Sie das nicht gut?

Offner: Ich finde es vor allem eins: viel zu spät! Die Forderung der Ministerin kam am 10. November. Mein Sohn hatte am 12. März seinen vorerst letzten Schultag, danach begann der erste Lockdown. Heißt: Die Politik hatte sechs Monate Zeit, um sich für einen Herbst zu rüsten, von dem man bereits im Frühjahr ausging, dass er schwer werden würde. Und wo stehen wir jetzt? Bei einer Forderung.

Auch Elternverbände und Schulpflegschaften fordern schon lange, ohne dass sich irgendetwas tut. Vergessen wir nicht: Wenn in Sachen Bildung auf Bundesebene etwas gefordert wird, heißt das noch lange nicht, dass auf Landesebene auch etwas passiert. Am Ende entscheiden die Minister der Länder. Beziehungsweise: Sie entscheiden nicht. Da jagt eine Falschaussage und Ausrede die nächste. Im Moment sieht es jedenfalls eher so aus, als würden die Zuständigen sich mit Händen und Füßen gegen alles wehren, was an konstruktiven Ideen kommt.

Zum Beispiel?

Offner: Naja, nehmen wir Solingen, wo die Landesregierung letzte Woche verboten hat, die Schulklassen zum Infektionsschutzgesetz zu halbieren. Dabei lagen gut ausgearbeitete Konzepte vor, sogar die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW hat diese sehr begrüßt.

Und man muss gar nicht so weit schauen, bereits im Kleinen werden Umsicht und vorausschauendes Verhalten ausgebremst: Eine Bekannte von mir, ihr Sohn ist an derselben Schule wie Tim, ist kürzlich positiv auf das Coronavirus getestet worden. Sie rief an der Schule an, sagte, ihr Sohn würde erst mal nicht kommen. Er müsse aber, hieß es – mit Verweis auf die Schulpflicht.

Ich konnte das erst mal nicht glauben: Da handeln Leute verantwortungsbewusst und weitsichtig und werden abgestraft. Meine Bekannte hat ihren Sohn dann trotzdem zu Hause gelassen. Inzwischen scheint es für solche Situationen übrigens Klarheit zu geben: Anfang der Woche kam ein Newsletter der Schule, der darüber informierte, dass Angehörige zu Hause bleiben müssen, wenn jemand in der Familie Corona hat. Und sogar dann, wenn es nur einen Verdachtsfall in der Familie gibt. Wie kann das sein, dass in solchen Dingen so lange Unklarheit herrscht?

Und wie immer sind die Kinder die Leidtragenden: Der Sohn meiner Bekannten musste einiges an Anstrengung unternehmen, um schulisch auf dem Laufenden zu bleiben. Es war nicht etwa so, dass ihm der Lernstoff geschickt wurde, den er verpasste.

Vermutlich gehen die Lehrkräfte davon aus, dass die Schüler sich da selbst, also über Mitschüler, organisieren.

Offner: Gerade in diesen Tagen müssen Lehrkräfte vorbereitet sein, finde ich. Mein Sohn war letzte Woche ein paar Tage wegen eines Magen-Darm-Infekts zu Hause. Ich fragte den Klassenlehrer, ob er den verpassten Stoff schicken könne. Die Reaktion: Wo er denn da hinkäme. Ob ich wüsste, wie viele Schüler er insgesamt hätte.

Das stimmt mich nicht gerade zuversichtlich, was mögliche weitere Schulschließungen angeht. Denn eigentlich müssten die Schulen zum jetzigen Zeitpunkt doch so organisiert sein, dass der gesamte Stoff digital verfügbar ist und unkompliziert per Mausklick verschickt werden kann. Man hört ja immer, dass es im Sommer zahlreiche Fortbildungen in Sachen Digital-Unterrichten gab. Wenn die genauso halbherzig gelaufen sind wie die Erarbeitung von Konzepten zur Verkleinerung von Schulklassen, dann gute Nacht.

Ich spreche viel mit anderen Eltern und weiß, dass ich weiß Gott nicht alleine stehe mit diesen Bedenken. Wir Familien fühlen uns im Stich gelassen. Und unsere Kinder scheinen die Versuchskaninchen – frei nach dem Motto, wir gucken mal, ob es mit der Durchseuchung wenigstens in den Schulen klappt. Wirklich traurig!

Vermutlich haben Sie sich zusammen mit Tim Strategien überlegt, wie er sich zumindest individuell schützen kann?

Offner: Das wäre schön, wenn das möglich wäre. Tim geht auf eine Gesamtschule, direkt gegenüber ist ein Gymnasium. Die beiden Schulen zusammen werden von 2500 Schülern besucht. Sie machen sich kein Bild, was da morgens los ist. Ganz Deutschland ist im zweiten Lockdown und an den Schulen herrscht dichtestes Gedränge.

Zur Angst kommt in meinem Fall inzwischen Ermüdung. Ich habe an zahlreichen Zoom-Sitzungen der Landeselternschaft teilgenommen, bei denen unter anderem auch mit Politikern diskutiert wurde. Seit Monaten machen wir Vorschläge, wie ein vernünftig gestaffelter Unterricht aussehen, wie der Mix aus Präsenz- und Fernunterricht gelingen kann.

Dann könnte der Stundenplan – soweit es überhaupt noch möglich ist, diesen aufrecht zu erhalten bei den vielen fehlenden Lehrern – weiterlaufen. Für die Tage, an denen die Kinder nicht im Unterricht sitzen, könnten sie Arbeitsblätter bekommen. Blätter also, die nicht wie seinerzeit im Homeschooling im Nirwana landen, sondern auch wirklich von der Lehrkraft angeschaut werden.

 

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Apropos: Nicht zuletzt das Dauerthema mit den fehlenden Arbeitsmaterialien wäre vom Tisch, wenn der Kontakt zur Schule zumindest auf reduziertem Niveau durchgängig gegeben wäre. Und auch um die ja recht kostspielige und kurzfristige Anschaffung digitaler Geräte im vorgesehenen Umfang käme man auf die Art vielleicht erst einmal herum. So oder so kann es nicht die Lösung sein, Schüler vor Computern zu parken. Aber nach all dem, was wir derzeit sehen, läuft es wohl genau darauf gerade wieder hinaus. Mag sein, dass die Schulen konzeptionell jetzt einigermaßen vorbereitet sind. An der Umsetzung scheint es aber weiterhin zu hapern.

Wie geht es Tim mit alldem, was gerade so läuft?

Offner: Der versteht die Welt nicht mehr. Im Tischtennisverein, in dem er Mitglied ist, spielen üblicherweise sechs Kinder an drei Tischtennisplatten in einer großen Halle. Jetzt ist die Halle geschlossen. Hier die strengen Einschränkungen und da das völlige Laufenlassen – wie soll man sowas nachvollziehen können?

Neben der konkreten Gefahr, der wir als Familie ausgesetzt sind, ist das eine weitere große Belastung für mich: Zu sehen, wie mein Kind zunehmend Vertrauen verliert. In Zuständige, die sich rauswinden. Und letztlich in eine Gesellschaft, in der einzelne genau das ausnutzen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu argumentieren. Nach dem Motto: Wieso sollten wir da mitmachen? Die andern machen es ja schließlich auch nicht.

*Name geändert

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