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4W: Was war. Was wird. Von unnötigen Kriegen, Neil Sheehan zum Gedächtnis

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Es war als Putsch angelegt und endete als Pfusch im Stil der Parkplatz-Episode von Four Seasons Total Landscaping. Inmitten der Bilder von geistig gestörten Menschen, die das Capitol stürmten, von Polizisten, die Absperrungen und Türen öffneten, gab es auch Bilder, die Personen mit Kabelbindern zeigten. Sie wollten offenbar die Abgeordneten abführen, bevor die Stimmenauszählung der Wahlfrauen und Wahlmänner formell beendet sein würde. Im Chaos hätte Trump den Notstand ausrufen und den Kongress auflösen wollen, so ein Zeithistoriker. Weitere Hinweise lieferten zwei Schlüsselfiguren des Dramas, Donald Trump und Rudy Giuliani, die sich beide bei aufgeregten Telefonaten verwählten. Trump versuchte, Senator Tommy Tuberville zu erreichen, landete aber auf dem Telefon von Senator Mike Lee, der sein Smartphone weiterreichte. Auch Rudy Giuliani wollte mit Tuberville sprechen, auch Giuliani verwählte sich und so landete sein Gespräch in der Mailbox eines weiteren Senators. Beide Gespräche zeugen davon, dass die Stimmenzählung verzögert, wenn nicht gar verhindert werden sollte. Was nun vom 45. Präsidenten übrig bleibt, ist eine prächtige Gedächtnis-Bibliothek mit 56.571 Tweets, von denen der vorletzte zur Entscheidung von Twitter führte, sein Nutzerkonto zu sperren. Nun steht die juristische Debatte an, ob Plattformen wie Twitter derart weitreichende Schritte unternehmen dürfen, was Trump mit der Entfernung der Section 230 verhindern wollte. Noch interessanter dürfte die Debatte darüber werden, ob sich Trump im Vorgriff auf eine Untersuchung seiner Rolle als Aufständischer selbst begnadigen kann. Problemloser, doch nicht weniger wichtig dürfte die Begnadigung von Rudy Giuliani sein. Er ist der Mann, der weiß, wo die Leichen vergraben sind. Wenn Trump Golfspielen geht, wird sich Giuliani der neuen terroristischen Bewegung anschließen, die sich vor dem Capitol gezeigt hat.

Nach nicht ganz vier Jahren präsidentieller Tweet-Tiraden und einer gewaltsamen Stürmung des Capitols – was Twitter wohl unter dem “Kontext” um die Tweets versteht – hat Twitter sich doch glatt aufgerafft und “das Konto aufgrund des Risikos einer weiteren Aufstachelung zur Gewalt dauerhaft gesperrt”.

(Bild: twitter.com)

*** Mit Ashli Babbitt hat es eine Tote bei den Aufständischen gegeben, mit Brian Sicknick einen Toten bei den Verteidigern der Republik. Die Radikalisierung von Babbitt von einer ehemaligen Obama-Wählerin bis hin zu einem Menschen, der an den Unsinn von QAnon glaubte, haben die Rechercheure von Bellingcat verfolgt. Sicher wird eines Tages ein schwer dramatischer Film daraus. Ob auch die Geschichte verfilmt wird, wie lahm die verschiedenen Polizeien auf den Sturm reagierten, ist nicht klar. Mit Brian Sicknicks Geschichte, der als Soldat im Irak sowohl bei der Operation “Desert Shield” wie bei “Enduring Freedom” im Einsatz war, müsste sich die US-Öffentlichkeit wieder einmal mit den verheerenden Folgen des Irak-Krieges beschäftigen, was eher unwahrscheinlich ist. Als Präsident Trump die Blackwater-Söldner begnadigte, die im Irak 14 Zivilisten getötet hatten, hielt sich die Empörung in den USA in Grenzen. Was von Sicknick bleibt, sind seine Leserbriefe, die er über den “unnötigen Krieg” im Irak geschrieben hat.

*** Mit Neil Sheehan ist in diesen traurigen Tagen einer der großen Kriegsreporter gestorben, der wie kein Zweiter die Gräuel des Vietnamkrieges beschrieben hat. Sheehan berichtete von 1962 bis 1966 jahrelang als Reporter aus Vietnam und deckte zusammen mit David Halberstam und Malcolm Browne etliche Kriegsverbrechen der US-Armee auf. Die edlen Kämpfer gegen den Kommunismus wurden gründlich entzaubert: “I simply cannot help worrying that, in the process of waging this war, we are corrupting ourselves. I wonder, when I look at the bombed-out peasant hamlets, the orphans begging and stealing on the streets of Saigon and the women and children with napalm burns lying on the hospital cots, whether the United States or any nation has the right to inflict this suffering and degradation on another people for its own ends.” Diese Sätze erschienen 1966 im News York Times Magazine, als Sheehan sein Vietnam-Trauma aufzuarbeiten begann. Den Höhepunkt seines Ruhmes erreichte Sheehan 1971 mit der Veröffentlichung der Pentagon Papers in der New York Times. Die von dem Whistleblower Daniel Ellsberg zur Verfügung gestellten Berichte aus Vietnam erschütterten die Welt. “Wenn man liest, wie im Wahlfrühling 1964 das ‘Szenario’ für alles, was dann nach der Wahl durchgeführt wurde, geschrieben wurde, beschleicht einen das Gefühl, dass der Kongress und die Wähler in jenem Jahr auf beinahe zynische Weise hinters Licht geführt wurden”, schrieb die sonst sehr freundlich aus den USA berichtende Neue Zürcher Zeitung. Als die mehrteilige Serie der Veröffentlichung aus den Pentagon-Papieren am 13. Juni begann, versuchte die damalige Regierung unter Richard Nixon, den Abdruck “aus Gründen der nationalen Sicherheit” zu verbieten. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung, die mit einem Grundsatzurteil endete: Das Geheimhaltungsinteresse des Staates an Dokumenten, die Whistleblower der Presse zuspielen, muss hinter dem Interesse der Öffentlichkeit im Namen der Pressefreiheit zurückstehen. “Only a free and unrestrained press can effectively expose deception in government. And paramount among the responsibilities of a free press is the duty to prevent any part of the government from deceiving the people and sending them off to distant lands to die of foreign fevers and foreign shot and shell.”

*** Neil Sheehan weigerte sich Zeit seines Lebens zu erzählen, wie er an die 7000 Seiten der Pentagon-Papiere gelangte. Als er an Alzheimer erkrankte, erzählte er 2015 seine Geschichte, jedoch unter der Auflage, dass sie erst nach seinem Tode veröffentlicht wird. Nun ist diese großartige Geschichte in der New York Times erschienen. Sie ist hoch spannend und sehr aufschlussreich. Wenn sie stimmt, dann hat Neil Sheehan Verrat begangen – gegenüber seinem Whistleblower Daniel Ellsberg. Der wollte zwar, dass Sheehan das Material sichtete, untersagte aber das Kopieren. Als Ellsberg einige Tage in Urlaub fuhr, überließ er Sheehan den Schlüssel zu der Wohnung, in der die Papiere lagerten. Sheehan rief seine Frau zu Hilfe und gemeinsam schafften sie es, die Papiere zu fotokopieren, argwöhnisch beäugt von den Inhabern der Copyshops, in denen überhitzte Maschinen den Geist aufgaben. Sie kauften mehrere Koffer und buchten für den Rückflug zusätzliche Sitze im Flugzeug, damit die Koffer niemals unbeaufsichtigt reisten. Als die New York Times mit der Veröffentlichung der Papiere begann, erkannte Ellsberg, dass er von Sheehan hinters Licht geführt worden war. Er erkannte aber auch, das Sheehan richtig gehandelt hatte, denn nun konnte ein Team der New York Times die Papiere sichten und in Washington ein Team der Washington Post, die zunächst kein Interesse an den Papieren hatte. Diese Episode steht in krassem Gegensatz zu den Geschichten von heute, in denen ein Julian Assange aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit zwar nicht an die USA ausgeliefert werden darf, die ihn nach dem Espionage Act verurteilen will, aber weiterhin inhaftiert bleibt, bis das Verfahren alle drei Instanzen durchlaufen hat. Das schreckt Whistleblower ab, die dem Vorbild Ellsbergs folgen könnten.

*** Neil Sheehan schrieb anschließend sein preisgekröntes Buch “A Bright Shining Lie: John Paul Vann and America in Vietnam” (deutsch: Die große Lüge. John Paul Vann und Amerika in Vietnam). Es erschien 1988 und gehört mit den “Vietnamesischen Lehrjahren” von Erich Wulff zu den Büchern, die von dem schmutzigen Vietnamkrieg erzählten und die strahlenden Helden gründlich enttarnte. Aus dem Buch entstand später der Kriegsfilm A Bright Shining Lie, der in Deutschland unter dem idiotischen Titel “Vietnam – Die letzte Rettung” in den Kinos lief.

Deutschlands Zukunft, 1870, Karikatur in der österreichischen Satirezeitschrift Kikeriki mit der Bildunterschrift: „Kommt es unter einen Hut? Ich glaube, ’s kommt eher unter eine Pickelhaube!“

(Bild: Unbekannter Zeichner, Public domain, via Wikimedia Commons)

Während die Bilder vom gewalttätigen Sturm auf das Capitol reflektiert werden, wird in der kommenden Woche ein gewalttätiges Ereignis in den Fokus rücken, von dem es verschiedene Bilder gab: Vor 150 Jahren wurde Wilhelm I. in Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert und der elende deutsche Sonderweg nahm seinen Lauf. Juristisch war Wilhelm seit dem 1. Januar das Oberhaupt des Deutschen Reiches, doch die Zeremonie in Versailles sollte den Erbfeind noch einmal demütigen. “Jetzt endlich ist die Schmach gesühnt, die von dieser Stätte und von diesem Königssitze aus dereinst auf unser deutsches Volk gehäuft worden ist”, verkündete Hofprediger Bernhard Rogge den jubelnden Reichsbürgern. Hätte da nicht besser ein friedliches Europa entstehen können anstelle des preußisch dominierten Militär-Ungeistes mit einem Schuss von Cäsarenwahnsinn? Hätte, hätte, Zahnriemen. Da muss man glatt noch einmal die Neue Zürcher Zeitung zitieren: “Wenn es eine Alternative zur Reichsgründung von 1871 gab, dann lag sie nicht in einer ganz anderen Antwort auf die offene deutsche Frage. Sie hätte in einem anderen Weg zum Ziel gelegen: in einer Nationalstaatsgründung ohne Krieg gegen Frankreich und ohne Annexionen, langsamer, behutsamer, schonender also.”


(tiw)

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